Kunstleben - Lebenskunst

Texte und Bücher von Ralf Frenzel

Neue Bücher

Im Spica-Verlag (www.spica-verlag.de), erschienen bereits zwei Sammlungen mit Kurzgeschichten und ein Roman von Ralf Frenzel

"Tier-Versuche" (ISBN 978-3-943168-33-4) Kurzgeschichten     

"Glücks-Versuche" (ISBN 978-3-943168-31-0) Kurzgeschichten

"MANN VERSUCH(T)" (ISBN 978-3-946732-13-6) Roman

 

In all diesen skurrilen Texten sind Menschen auf der Suche nach Beziehungen, die sie irgendwann und irgendwo scheinbar unmerklich verloren  - zu ihren Geschwistern, den Eltern, dem Partner, zu den eigenen Kindheitserinnerungen und zu den Tieren sowieso. Dabei stolpern diese Helden oft, viel zu oft, und sie landen geradewegs in einer Katastrophe.

"MANN VERSUCH(T)" (Romanauszug. Das Buch ist im Februar 2017 beim Spica-Verlag erschienen)

Beim Reden betrachtete er aufmerksam Kirstens Gesicht. Am Anfang wollte er daraus ihre Reaktionen ablesen. Dann aber verlor er sich darin. Weil sie alle Haare straff nach hinten gezogen hatte, lenkte nichts von ihrem offenen Gesicht ab. Es wirkte so klar und hell, dass Christian einen Moment dachte, dass eine Stimme wie die von Christine gut zu ihr passen könnte. Vielleicht taten die schmalen Augenbrauen und die Lachfalten ihr Übriges für diesen Eindruck. Ein kleines Grübchen links unter dem Mund war nur zu sehen, wenn sie lächelte. Jäh wurde Christian aus seinen Beobachtungen gerissen. Ein altes Paar schlurfte dicht an ihm vorbei zum Nebentisch. Christian musste zur Seite rutschen, damit seine langen Beine nicht zum Hindernis würden. „Setz du dir mal schon hin, ick komm´ gleich“, sagte die Frau zum Mann.

„Ja.“

Der Mann zog den Holzstuhl ein Stück vom Tisch weg, ließ sich nieder fallen, so als wäre er völlig erschöpft. Nur zwei, drei Schritte entfernte sich die Frau mit dem Einkaufswagen, dann drehte sie sich um. „Rück mal die Tasche von der Tür weg. Da haut mir sonst jemand dajejen und dann jeht allet kaputt.“

„Ja.“

Mehr…

Beim Reden betrachtete er aufmerksam Kirstens Gesicht. Am Anfang wollte er daraus ihre Reaktionen ablesen. Dann aber verlor er sich darin. Weil sie alle Haare straff nach hinten gezogen hatte, lenkte nichts von ihrem offenen Gesicht ab. Es wirkte so klar und hell, dass Christian einen Moment dachte, dass eine Stimme wie die von Christine gut zu ihr passen könnte. Vielleicht taten die schmalen Augenbrauen und die Lachfalten ihr Übriges für diesen Eindruck. Ein kleines Grübchen links unter dem Mund war nur zu sehen, wenn sie lächelte. Jäh wurde Christian aus seinen Beobachtungen gerissen. Ein altes Paar schlurfte dicht an ihm vorbei zum Nebentisch. Christian musste zur Seite rutschen, damit seine langen Beine nicht zum Hindernis würden. „Setz du dir mal schon hin, ick komm´ gleich“, sagte die Frau zum Mann.

„Ja.“

Der Mann zog den Holzstuhl ein Stück vom Tisch weg, ließ sich nieder fallen, so als wäre er völlig erschöpft. Nur zwei, drei Schritte entfernte sich die Frau mit dem Einkaufswagen, dann drehte sie sich um. „Rück mal die Tasche von der Tür weg. Da haut mir sonst jemand dajejen und dann jeht allet kaputt.“

„Ja.“

Der Mann wand sich nach links, griff zur Rolltasche, zog sie wenige Zentimeter zu sich heran. Es blieb eher nur eine Geste dessen, was er tun sollte. Dann legte er seine Hände auf den Tisch, schnaufte, räuspert sich und schloss für einen Moment die Augen. Wohl weit über siebzig, glattrasiert, bläuliche Gesichtsfarbe, saß er schwer atmend am Nebentisch. Christian schaute kurz nach unten. Der Mann trug eine sehr kurze, hellbraune Cordhose, ehemals pinkfarbene Socken schauten darunter hervor. Seine gestreifte Strickjacke war an den Ärmeln ausgebeult und fadenscheinig. Plötzlich öffnete der Mann seine Augen, zog mehrmals am Griff der Rolltasche, so als hätte er den Auftrag gerade erneut vernommen. Das Gefährt rührte sich kaum, die Bewegung brachte kein Resultat.

Endlich konnte Christian seinen Blick vom Nachbartisch lösen und schaute wieder zu Kirsten. Er begriff, während er redete, dass er bisher mit niemandem so offen gesprochen hatte. Annika sei eine wunderbare Frau, doch sie wolle, dass er möglichst häufig in ihrer Nähe sei. Entweder mache sie ständig Vorschläge für gemeinsame Unternehmungen oder sie läge vor dem Fernseher stundenlang auf seinem Schoß und wolle ununterbrochen gekrault werden. Er fühle sich dadurch sehr angestrengt. Im ersten Moment war es ihm peinlich als er sogar davon berichtete, welches ganz biologische Problem er mit Annika habe. Er suchte nach umschreibenden Wörtern und begann weit auszuholen. Dabei sah er aus den Augenwinkeln, wie sich der Mann von schräg gegenüber zurücklehnte, geräuschvoll Luft abließ und seine Augen wieder zufielen. Die Nähe des Mannes störte Christian. Ob er eingeschlafen ist? überlegte er. Doch im nächsten Moment schlug der Mann die Lider auf, schaute kurz auf den roten Rollkoffer neben sich, zog erneut ergebnislos am Griff und schloss die Augen. Christian sprach weiter, jedoch deutlich leiser, und kam zu einer Begründung, die er für sich in Anspruch nahm. „Ich bin vermutlich ein übersteigerter Geruchsmensch. Manchmal erinnere ich mich an Gerüche aus der Vergangenheit, das reicht bis in die Kindheit hinein. Ich weiß noch genau, wie es stank, als wir beim Pilze-Sammeln ein totes Wildschwein im Wald gefunden hatten, oder der Keller und der Dachboden bei uns zu Hause hatten im Sommer einen ganz speziellen Geruch. Na und Gittis Duft hat sich mir regelrecht eingebrannt.“ Kurz schaute Christian nach links und sah, wie der Mann sich gerade überrascht umblickte. Ob er etwas gehört hatte? Es schien als wundere sich der Mann über den Ort seines Aufenthaltes. Nun setzte er seine dunkelblaue Schirmmütze ab und legte sie wie ein Präsent verkehrt herum auf den Tisch. Ihr Innenrand war fettig und lobte ihr hohes Alter. Beide Hände hielten den Schatz. Wieder schloss der Mann seine Augen und Christian erzählte erneut von Gittis Duft, von dem er heute noch manchmal träumen würde. Dann endlich war er bei den eigentlichen „Schwierigkeiten“ mit Annika angekommen. Kirsten hatte aufgehört, ständig zu lächeln. Sie brachte, als Christian eine kleine Denkpause machte, ohne Umschweife ein Resümee in einem Satz zusammen. „Ich sag mal so, wenn die Chemie nicht stimmt und euer Geruch nicht zusammenpasst, ist eine Beziehung aus meiner Sicht ein großes Risiko. Das spürst du ja an deiner Christine.“

Christian richtete sich auf: „Das ist nicht meine Christine und schon gar nicht meine Beziehung. Ja, ich bin da sicherlich in ein Abenteuer hineingeraten und vielleicht war das Ganze sogar sehr unfair Annika gegenüber. Aber Christine hat nun mal diese Augen, diese Stimme, ich war einfach wie hypnotisiert.“

„Okay, okay, ich hab´s ja verstanden. Aber zumindest scheinst du noch ein wenig in ihrem Bann zu stehen.“ Christian machte ein undefinierbares Geräusch. „Was aber deine Annika betrifft- darf ich das so sagen?“ Christian grunzte leise. „Also mit deiner Annika hattest du vielleicht nur einen ungünstigen Moment getroffen. Wenn du Glück hast, hattet ihr einfach nur ein wenig Pech.“ Christian zog seine Stirn in Falten. „Ich meine“ versuchte sie zu erklären, „dass es mit den Tagen zusammenhängen könnte an dem ihr euch nahegekommen seid. Ich sag mal so, du bist ja auch keine Maschine, Menschen riechen nicht jeden Tag gleich. Das solltest du eigentlich wissen.“ Leise vor sich hinredend kam jemand von hinten angelaufen. Christian fühlte sich erneut gestört. Weder wollte er, dass man seine Worte hörte noch konnte er sich richtig konzentrieren. Er drehte sich um und sah die Frau mit ihrem Einkauf zurückkehren. Sie blickte sich mehrfach um, so als müsse sie sich vergewissern, den richtigen Weg genommen zu haben. Klein, mit grau-strubbligen Haaren trug sie einen braunen Parker. Den Einkaufswagen nutzte sie wie einen Rollator. Erschrocken blickte der Mann auf, als sie neben ihm stand.

„Bist ja schon wieder da, mein Schatz.“

„Ja.“

„Ging ja schnell.“

„Ja. Sind ja kaum Leute hier. Is allet leer hier. Kooft keener ein.“

„Soll ick dir helfen?“ Der Mann griff nach rechts und zog an der Rolltasche. Dann versuchte er sie zu öffnen. Er nestelte am Verschluss.

„Lass mal die Tasche.“

Er versuchte noch immer den Mechanismus zu betätigen.

„Nee fass die nicht an. Du machst allet kaputt.“

„Ja.“

„Ick muss det selber einpacken.“

„Ja.“

Die Frau zog die Tasche zu sich heran. „Det blöde Zeug krieg ick nich rein. Is viel zu viel.“ Sie öffnete die Tasche und holte einen Schuh heraus. Den legte sie in den Einkaufskorb. Dann nahm sie eine Plastiktüte mit Kirschen in die Hand und versuchte den Knoten zu öffnen. „Die haben die Tüte zu fest zujemacht. Da wird alles Matsch…Hach, die olle Tüte krieg ich nich auf.“

„Soll ich helfen?“ fragte der Mann.

„Nee.“

„Warum nich?“

„Du machst mir bloß allet durcheinander. Nachher jeht noch was kaputt.“

„Ja… War nich voll der Laden, nich?“

„Nee, war keener da“, sprach sie vor sich hin. „Die Kirschen müssen nach oben. Det Papier kommt an die Seite.“ Sie sortierte die Dinge im Einkaufswagen nach unerklärlichen Prinzipien. Anschließend steckte sie ein paar Sachen in einen bunten Perlonbeutel. Den stellte sie in den Wagen. Dann holte sie Brot und Bananen wieder heraus. „Die Kirschen müssen doch nach oben. Das sag ich doch von Anfang an.“

„Ja.“

Es dauerte lange, bis die Frau ihr Ordnungsprinzip verwirklicht hatte. „Setz deinen Deckel auf. Wir sind fertig. Der Bus wartet nicht.“

„Ja.“

„Komm hinter mir und beeil dich!“

„Ja.“

Der Mann stand auf, zog am Griff der Rolltasche. Als er feststellte, dass die Tasche noch falsch herum stand um sie ziehen zu können, versuchte er um sie herum zu laufen. Es war zu eng. Dann begann er sich mitsamt seiner Ladung zu drehen.

„Beeil dich und pass auf, der Wagen jeht sonst kaputt.“

„Ja.“

Langsam gingen die Beiden hinaus, zuerst die Frau, in der Hand den Beutel, dann folgte der Mann mit der roten Rolltasche.

„Jetzt hast du gerade in deine Zukunft geschaut. Und wie du siehst“, Kirsten nickte mit dem Kopf in die Richtung des alten Paares, „es ist möglich, dass man sich, an die sonderbarsten Dinge gewöhnen kann.“ Der Tisch neben ihnen war wieder leer. Christian atmete auf, seine Hemmungen waren verschwunden. Seine innere Anspannung hatte nachgelassen. „Ich weiß nicht, ob ich das will.“

„Wenn die Liebe groß ist, dann übertragen sich positive Gefühle bestimmt auf alles andere automatisch, sozusagen wie beim Campari.“

„Campari?“

„Na bitter ist doch, biologisch gesehen, ein eindeutiges Zeichen für giftig und gefährlich. Trotzdem liebe ich dieses Zeug und verfeinere mir alle möglichen Getränke damit. Aber vordergründig geht es dir wahrscheinlich nicht um deine Gewöhnung, glaub ich. Du solltest deine Freundin nicht hinhalten. Sie ist mit Recht sauer. Erst gibst du ihr zu verstehen: JA. Dann heißt es wieder: NEIN. Ich sag mal so, egal wie du es drehst, im Klartext heißt es für sie, sie genügt dir nicht.“

„Ich mag Annika wirklich sehr. Ich fühle mich ihr sehr nahe. Ständig muss ich an sie denken.

„Merkt sie das?“

Christian zuckte mit den Schultern. „Trotzdem bin ich mir nicht sicher, was ich will. Je mehr sie meine Nähe sucht, desto unsicherer werde ich.“

„Und genau das“ Kirsten schaute über ihre Kaffeetasse hinweg, aus der sie gerade getrunken hatte, in Christians Richtung, „strahlst du aus all deinen Poren. Da muss deine Freundin ja verzweifeln.“ Christian war ratlos. Er wollte von Kirsten „als Frau“ wissen, wie Annika reagieren könnte. Weiter und weiter fragte er, als wäre er viele Jahre mit Kirsten befreundet. „Ich sag mal so, das hängt von dir ab. Je ehrlicher du ihr beibringst was du willst, desto größer ist die Chance, dass sie dich nicht gleich ermordet.“

Obwohl er jetzt noch immer nicht genau wusste, was er Annika sagen würde, fühlte sich Christian von Kirsten ein wenig aufgebaut.
Weniger…

"Überraschung" (Auszug aus einer Geschichte, die demnächst erscheinen wird)

Für ein paar Minuten war es verschwunden. Ich hatte mir schon Hoffnungen gemacht. Jetzt startet es erneut. Es vollführt eine ungebremste Attacke, greift wieder an. Zuerst beginnt es allmählich zu kribbeln, steigert sich, lässt nicht nach, will fast explodieren. Ohne zu überlegen puste ich mit vorgeschobener Unterlippe nach oben. Der Luftstrom prallt so hart in mein linkes Auge, dass es  wie Feuer brennt. Ich blinzle und zwinkere ein paar Mal, bis dieser Schmerz endlich nachlässt. Nach kurzer Zeit ist mein ursprüngliches Problem trotzdem wieder da. Es bohrt sich förmlich in meine Haut. Mehr…

Für ein paar Minuten war es verschwunden. Ich hatte mir schon Hoffnungen gemacht. Jetzt startet es erneut. Es vollführt eine ungebremste Attacke, greift wieder an. Zuerst beginnt es allmählich zu kribbeln, steigert sich, lässt nicht nach, will fast explodieren. Ohne zu überlegen puste ich mit vorgeschobener Unterlippe nach oben. Der Luftstrom prallt so hart in mein linkes Auge,dass es wie Feuer brennt. Ich blinzle und zwinkere ein paar Mal, bis dieser Schmerz endlich nachlässt. Nach kurzer Zeit ist mein ursprüngliches Problem trotzdem wieder da. Es bohrt sich förmlich in meine Haut. Irgendetwas, vielleicht eine Wimper oder ein Haar, reizt meine Haut links dicht neben der Nase. Ich bewege mein Gesicht um die betroffene Hautstelle zu straffen. Dabei öffne ich meinen Mund, als würde ich schreien. Es nützt nichts. Mit Verrenkungen verschiebe ich die Lippen so weit wie möglich zur Seite. Der Erfolg bleibt mäßig. Nach einer halbminütigen Pause wandelt sich das Kribbeln in ein großes Jucken. Ein Flächenbrand breitet sich aus. Stechende Folter raubt mit jeden klaren Gedanken. Ich suche verzweifelt nach Erleichterung. Am liebsten würde ich immer und immer wieder mit einem groben Tuch über mein Gesicht reiben - aus tiefster Seele entstünde eine Erlösung. Wäre meine Frau in der Nähe, so könnte sie mir diesen Gefallen tun. Vormittags arbeitet sie aber bis kurz vor zwölf.

Resigniert wende ich meinen Kopf zum Fenster. Hätte ich ahnen können, was auf mich zu kommt? Ich versuche mich abzulenken. Draußen turnen auf den kahlen Ästen der Engelstrompete ein paar Spatzen. Die Männchen balzen unaufhörlich, obwohl wir erst Ende Januar haben. Kraftvoll springen sie umher. Mit ihrem Bewegungsdrang klagen sie mich an. Unaufhörlich wetzen sie ihre Schnäbel an den Ästen, wippen aufgeregt mit dem Schwanz und machen einen Lärm, der sogar durchs geschlossene Fenster dringt. Völlig lautlos gleiten für einen kurzen Augenblick ganz weit oben drei Krähen quer durch meinen schmalen Fensterhimmel.

Seit mehr als einer Woche, fast immer dasselbe Bild.

 

Nachdem ich mein Bett nicht mehr verließ, hob ich noch am ersten Tag den linken Arm und bewegte die Zehen. Dann lag ich reglos. Dr. Brunsbaum, unser alter Hausarzt, wollte mich sofort in eine Klinik einweisen. Ich protestierte. Es dauerte lange, bis wir uns einigten. Er würde jeden zweiten Tag vorbei schauen. Meine Frau nickte und stimmte zu. Sie blieb sehr leise. Auf sie kam es an. Sie musste sich um mich kümmern.

Anfangs tat nichts weh, ich bewegte mich einfach nicht mehr. Als unsere Freunde davon erfuhren, kamen sie und gaben Ratschläge. Zuerst wollten sie mich umstimmen. Sie wussten von einem guten Krankenhaus mit exzellenter Diagnostik. Dann rieten sie meiner Frau zu einem Pflegedienst. Sie wäre dadurch zeitlich nicht immer so abhängig und könne mal etwas für sich selbst tun.

Vom langen Liegen schmerzte irgendwann mein Rücken. Dr. Brunsbaum gab meiner Frau Hinweise, wie sie mich zu lagern hätte. Sie brachte meine schlaffen Arme und Beine täglich mehrmals in verschiedene Haltungen. Dann fütterte mich meine Frau. Appetit spürte ich jedoch kaum. Sie wusch mich. Dass vollführte sie jeden zweiten Tag. Von oben bis unten rubbelte sie dabei die Haut kräftig, zur Durchblutung. Zu allen anderen Zeiten reinigte sie zwischendurch vorsichtig nur den Windelbereich. Ja, Windeln musste sie mir umlegen. Alle Versuche mit einer Ente missrieten. Anfänglich glaubte ich, dass mir beim Waschen da unten Gefühle entstehen würden. Das geschah aber nie während meine Frau mich versorgte.

Nach einer Woche schon hatte sie eine echte Krise. Sie lag nachts im Bett neben mir und weinte. Obwohl sie es sehr leise tat, hörte ich das Schluchzen sehr genau. Ausgerechnet in diesem Augenblick konnte ich meinen Darm nicht mehr anhalten. Sie musste also noch einmal aufstehen und das stinkende Zeug entfernen, mir den Hintern waschen und eincremen.

Nach zweieinhalb Wochen waren wir ein eingespieltes Team - meine Frau versorgte mich und ich lag still. Sie hatte mich frisch gewindelt und auf den Rücken gedreht. Die Haut über meinem linken, knochigen Beckenbereich brannte wie Feuer. Sie wäre dort schon ungemein dunkelrot gefärbt, erklärte meine Frau, obwohl sie sie mit einer speziellen Creme behandelte. Dr. Brunsbaum meinte, dass dies eine Vorstufe zum Dekubitus sein könne.

Er hatte mir die Pistole auf die Brust gesetzt. Wenn bis zum Wochenanfang keine Veränderung meines Zustandes zu erkennen sei, würde er mich gegen meinen Willen in die Klinik einweisen wollen. Er könne es nicht länger verantworten. Ich hatte nicht mehr protestiert, sondern nur leise vor mich hin gebrummt. Dann schaute ich zu meiner Frau. Ihr standen sofort Tränen in den Augen. ...
Weniger…

"Langstreckenlauf" (Eine Kurzgeschichte, die demnächst erscheint)

Beim Laufen übertreibe ich es natürlich auch nicht, falls du das meinst. Mein Tempo blieb immer sehr gemäßigt. Da passe ich auf. Im Gegensatz zu mir rasen andere Jogger regelrecht. Ich will doch meine Knochen nicht noch mehr kaputt machen, sondern vorsichtig an meine Grenzen kommen. Erst wenn ich richtig gut drauf bin, vielleicht im Herbst, wenn ich sicher bin, dass ich es Mehr…

Beim Laufen übertreibe ich es natürlich auch nicht, falls du das meinst. Mein Tempo blieb immer sehr gemäßigt. Da passe ich auf. Im Gegensatz zu mir rasen andere Jogger regelrecht. Ich will doch meine Knochen nicht noch mehr kaputt machen, sondern vorsichtig an meine Grenzen kommen. Erst wenn ich richtig gut drauf bin, vielleicht im Herbst, wenn ich sicher bin, dass ich es packe, dann melde ich mich für den Marathon an.

 

Hmm, also Marathon.

 

Ich renne natürlich nicht durch die Landschaft, um einen Marathon zu schaffen. Das wäre mir zu blöd. Es geht mir eigentlich um meine Gesundheit. Manchmal, wenn gerade nichts weh tut, kommt noch das schöne Gefühl beim Laufen hinzu. Locker Werden, Adrenalin und Glücksgefühle, woher kriegst du sie so unkompliziert? Wenn ich gut drauf war, wurde mir alles leichter, sogar die Probleme verschwanden. Das ist ein Gefühl! Das könnte ich öfter gebrauchen.

Normalerweise muss ich mich bei allem sehr zusammen reißen und konzentriert anstrengen. Gerade beim schnellen Arbeiten am Computer ist das Stress pur. Da sehne ich mich nach Laufen. Dabei powere ich mich natürlich auch aus, aber im Kopf bleibe ich leichter. Und weil ich mich auf nichts konzentrieren muss und das Laufen so wenig Aufmerksamkeit fordert, kann ich meine Gedanken fließen lassen wohin sie wollen. Oder ich schaue mir einfach nur die Umgebung an. Es ist wie ruhiges Sightseeing, jedenfalls so lange nicht gerade eine Wade spinnt.

 

Ist doch schön, die Gedanken einfach fließen zu lassen.

 

Ja, aber leider kommt dabei nichts heraus, weder beim Laufen noch hier. Regelmäßig nehme ich mir vor, über irgendwelche wichtigen Sachen nachzudenken. Ein paar Mal hatte ich beim Joggen probiert, meinen Hang zum Chaotischen zu analysieren. Das war immer enttäuschend. Nie fand ich je eine Lösung. Im Gegenteil, ich bin dann ständig von meinem Nachdenk-Vorsatz abgedriftet und war frustriert. Gezieltes Probleme-Wälzen und systematisches Analysieren, wie es andere können, klappen bei mir nicht. Wahrscheinlich bin ich auch im Kopf chaotisch. Unablässig und von allem lasse ich mich ablenken. Das können ganz banale Sachen sein, die ich unterwegs beim Joggen sehe. Da baut jemand sein Dach aus, ein anderer wechselt den Zaun. Ja und? Sofort beginne ich aber zu überlegen, wie man die Balken im Dachstuhl mit der Gaube verbinden könnte oder wie sich der Rostschutz am Zaun verbessern ließe. Eindrücke sind wie Stichwörter für meine Überlegungen. Einmal redete ich im Kopf mit den Familien von Verstorbenen als ich am Friedhof vorbei kam. Ich versuchte sie von ökologisch wertvollerer Bepflanzung ihrer Gräber zu überzeugen. Das alles sind tausend Sachen, die mich weder etwas angehen, noch dass ich sie beeinflussen könnte.

Sogar einen Film hatte ich gedreht, da lief ich gerade im Frühnebel einen Waldweg entlang. Unvermittelt wurde ich zum Hauptdarsteller. Einen halben Kilometer weiter bemerkte ich nämlich beim Einbiegen in die offene Landschaft, dass ich mich plötzlich einige Jahrhunderte zurück versetzt sah. Ich, mit meiner spacig silbrigen Joggingkleidung, i-Pod, Multifunktionsuhr, Sonnenbrille und so weiter, kam aus dem Wald und joggte an ärmlichen Bauern vorbei, die mit Sensen per Hand Heu machten. Die staunten nicht schlecht, als sie mich sahen. Aber auch ich war irritiert. Als ich sie in ihrer merkwürdigen Kleidung fragen wollte, ob hier ein Film gedreht würde und wohin ich geraten sei, liefen sie schreiend vor mir weg. Sie kamen aber wieder zurück. Nur hatten sie ein paar gepanzerten Soldaten, Schwerter und Spieße, wie man es eben aus dem Kino kennt, dabei. Deshalb hatte ich auch keine Sorge und wollte mit ihnen reden. Ich dachte immer wieder, die drehen hier ´nen Film. Die vermeintlichen Schauspieler verhielten sich nicht sonderlich freundlich zu mir. Sie zerrten mich mit und sperrten mich in einen großen Raum. Als meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, dass da schon ein Mann an einem Tisch saß. Der wirkte wie ein Geistlicher. Ich trat näher auf ihn zu und konnte es kaum fassen. Es war Sean Connery.

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Weniger…

Neu erschienen: Mann-Versuch(t)